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[Manuskript zu einem Vortrag vor Transhumanisten in Second Life, März 2008]

UTOPISCHE NEUROWISSENSCHAFTEN


SUPERGLÜCK
Zehn Einwände gegen eine radikale Verbesserung der Gestimmtheit

    EINLEITUNG
  1. ETHISCHER Einwand
  2. TECHNISCHER Einwand
  3. ERFAHRUNGSMASCHINEN-Einwand
  4. „UNANGEMESSENES VERHALTEN“-Einwand
  5. CHARAKTERSCHWUND-Einwand
  6. BETRIEBSBLINDHEITS-Einwand
  7. „SOZIAL ZERSTÖRERISCH“-Einwand
  8. SELEKTIONSDRUCK-Einwand
  9. ÜBEREILUNGS-Einwand
  10. KOHLENSTOFFCHAUVINISMUS-Einwand
    SCHLUSSFOLGERUNG

EINLEITUNG

Transhumanisten sind ehrgeizig. Wir möchten unbegrenzte Lebenserwartung, unbegrenzte Intelligenz, unbegrenzte Computerleistung. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir bei allem ehrgeizig sind, z. B. bei der Körpergröße. Vielleicht möchten wir ein bisschen größer sein, und sichergehen, dass kleinwüchsige Menschen die Möglichkeit haben, eine „normale“ Statur zu erlangen. Sogar in Second Life, oder in anderen künftigen immersiven Virtual Reality-Welten, möchten wir meistenteils nicht 1000 Meter groß sein – auch wenn wir dort mit den Grenzen der Gravitation keine Probleme hätten. Gewiss, es gibt einige äußerst exotische Geschöpfe in Second Life, die vielleicht behaupten könnten, der Rest von uns habe nur ein verkümmertes Vorstellungsvermögen. Intuitiv betrachtet gibt es jedoch hinsichtlich der Körpergröße nur ein recht schmales Optimum. Überdies könnte man die Körpergröße als das betrachten, was von Ökonomen als „positionales Gut“ bezeichnet wird. Es ist von sozialem Vorteil, ein wenig größer zu sein als der Durchschnitt; wenn jedoch alle größer wären, hätte keiner davon einen Nutzen.

Wie steht es mit dem Glück – ein Begriff, den ich hier als dürftige Abkürzung für emotionales Wohlbefinden im allerreichsten Sinne verwende. Sollte man Glück besser als absolutes Gut oder, wie Körpergröße, als positionales Gut betrachten? Gibt es ein Optimum für den hedonischen Tonus, das wir anstreben sollten – sowohl für uns als auch für andere fühlende Wesen – so wie es ein Optimim für die menschliche Statur aufgrund der auf der Erde herrschenden Gravitation gibt? Vielleicht kann man den erblichen „Sollwert“ unserer hedonischen Tretmühle genetisch ein wenig anheben, so wie sich manche von uns wünschen, ein wenig größer zu sein. Ebenso könnten Opfer chronischer depressiver Verstimmungen oder Angststörungen durch genetische Therapie oder Designerdrogen profitieren wenn sie auf diese Weise eine idealisierte Form der heutigen „normalen“ psychischen Verfassung erlangen – genau wie Wachstumshormone den „unnatürlich“ Kleinen helfen können.

Es gibt es jedoch eine wesentlich radikalere Auffassung. Ähnelt Glück eher der Intelligenz oder Lebenserwartung, also etwas, dessen unbegrenzte Verbesserung Transhumanisten anstreben sollten – mit den beinahe unvorstellbaren Auswirkungen, die eine solch unbegrenzte Mehrung mit sich bringt? Die Transhumanistische Erklärung fordert das „Wohlbefinden aller fühlenden Wesen“. Aber Wohlbefinden umfasst alles von bloßer Zufriedenheit bis hin zu Hochgefühlen in Größenordnungen, die wunderbarer sind als alles, was sich nicht-erweiterte Menschen vorstellen können. Wie weit sollten die rationalen Agenten bei der Erweiterung des Umfangs unseres Belohnungssystems gehen – sowohl was uns selbst als auch andere Lebensformen angeht? Was ist technisch machbar? Wo sind die möglichen Fallstricke? Könnte irgendetwas katastrophal schiefgehen? Sollten einige Zustandsräume der Empfindung dauerhaft gesperrt werden, weil sie einfach zu wunderbar sind, um sie auch nur auszutesten?

Ich habe nicht die Absicht, diese Frage hier zu beantworten. Jedoch sage ich voraus, dass superintelligente Post-Humane von Stufen des Glücks animiert sein werden, die buchstäblich milliardenfach reicher sind als alles, was heutzutage biologisch erreichbar ist; ob aber solche Zivilisationen jenseits von Bereichen der universalen Wellenfunktion mit extrem geringer Dichte existieren oder nicht, bleibt reine Spekulation. Stattdessen möchte ich zehn Einwände gegen eine unbegrenzte Verstärkung des Wohlbefindens erheben – und zehn mögliche Antworten entwerfen.

1) ETHISCHER Einwand
Schon das Reden über post-humane psychische Supergesundheit ist moralisch leichtfertig. Die Diskussion über die Stufen post-humanen Glücks ähnelt derjenigen mittelalterlicher Theologen über die verschiedenen Stufen der himmlischen Hierarchie – über all die Engel, Erzengel, Cherubim, Seraphim und dergleichen. In der realen Welt gibt es Milliarden von fühlenden Wesen, menschliche und nicht-menschliche, die unter verschiedenen Graden des Unwohlseins leiden – manchmal des extremem Unwohlseins. Es macht keinen Sinn, wie besessen auf der ungemütlichen Seite des Lebens zu verweilen; doch selbst die gesündesten und glücklichsten unter uns sind in tödlicher Gefahr, ihr Leben „ohne Zähne, ohne Augen, ohne Geschmackssinn, ohne alles“ zu beenden. Bereits die Gewährleistung eines Minimums an Wohlbefinden für alle fühlenden Wesen ist nach Sachlage der Dinge technisch und ideologisch Herausforderung genug. Erfreulicher ist, dass vieles schrittweise erreicht werden kann. So dürfte beispielsweise die bevorstehende reproduktive Revolution der Designer-Babys zu einem „unnatürlichen“ Selektionsdruck gegen einige unserer schlechteren Gene führen – und uns ermöglichen, klüger und glücklicher zu werden, länger zu leben und, etwas umstrittener, vielleicht auch schöner zu werden. Entscheidend für das Wohlbefinden aller fühlenden Wesen ist, dass wir aufhören müssen, uns gegenseitig zu töten und zu essen. Wenn diese utopisch klingende Vision verwirklicht werden soll, dann muss preisgünstiges, schmackhaftes, gentechnisch erzeugtes VAT-Food das Fleisch von nicht-menschlichen Tieren aus industrieller Massenhaltung auf unserem Speisplan ersetzen; vielleicht ist Gentechnik in Verbindung mit Marktwirtschaft dort erfolgreich, wo das moralische Argument versagt. Aber letztlich ist die Beendigung des Darwin'schen Holocausts und die Sicherung des Wohlbefindens aller fühlenden Wesen ein technisches Mega-Projekt: das Überschreiben von Genomen, Nanorobotik und die Neugestaltung von Ökosystemen bis in die letzten Winkel der Meere. Weshalb also mehr verlangen? Wenn und falls das abolitionistische Projekt vollendet ist, und dieser Einwand erhoben wird, dann haben wir all unsere moralischen Pflichten abgeladen. Oder zumindest sollten wir erst, nachdem das Leiden in der gesamten belebten Welt abgeschafft ist, wirklich revolutionäres Eingreifen in Betracht ziehen, um unser emotionales Leben zu bereichern. Vielleicht ist der Kritiker hier ein Neo-Buddhist oder ein negativer Utilitarist, oder vielleicht ein erleuchteter Biokonservativist, der den Wunsch teilt, alle Grausamkeit und [ungewolltes] Leiden abzuschaffen, allerdings keinen Grund sieht, über eine Abschaffung des Leidens hinauszugehen.

MÖGLICHE ANTWORT
Ich habe eine Menge Sympathie für diesen Einwand. Die moralische Dringlichkeit des Einsatzes von Biotechnologie zur Ausmerzung des Leidens sollte sorgfältig getrennt werden von den spekulativen Höhenflügen der Phantasie über eine „Konstruktion des Paradieses“ und so fort. Wenn man kein strenger klassischer Utilitarist ist, dann hat die Abschaffung des Leidens einen größeren moralischen Stellenwert als eine Verbesserung des Wohlbefindens. In diesem Sinne ist der Inhalt dieses Vortrags vergleichsweise unwichtig – und moralisch betrachtet wohl auch trivial. Es ist jedoch schwer zu einzusehen, dass an langfristiger Planung a priori irgendetwas moralisch falsch sein soll. Man sollte betonen, dass nichts von alledem, was Transhumanisten so glühend herbeisehnen – unbegrenzte Lebenserwartung, Superintelligenz, morphologische Freiheit, neue sensorische Modalitäten und Bewusstseinsmodi, molekulare Nanotechnologie, usw. – uns langfristig wesentlich glücklicher machen wird, es sei denn, wir gestalten bzw. kalibrieren auch unsere hedonische Tretmühle neu. Wenn wir uns dazu entschließen, dann ist es doch willkürlich, deren genetische Kalibrierung auf den absoluten Minimaleinstellungen, derer es bedarf, um die Substrate des Leidens zu beseitigen, „einzufrieren“ – oder aber eine nur moderate Erhöhung im oberen Bereich des hedonischen Tonus jenseits dieses absoluten Minimums „zuzulassen“. Weshalb dieser Mangel an Ehrgeiz?

Dies ist sicher nicht der Ort für eine philosophische Abhandlung über die Natur der Werte. Man muss allerdings kein Hedonist oder klassischer Utilitarist sein, um zu erkennen, dass es enge Verbindungen zwischen der Schaffung von lebenslangem Wohlbefinden und der Schaffung von Werten gibt. Lassen Sie uns deshalb vorläufig eine etwas schwache, aber dennoch fruchtbare Arbeitsthese formulieren. Bei Gleichheit aller anderen Dinge sind die lohnendste Musik, Komik, Kunst, Computerspiele, Virtual Reality-Software, persönlichen Beziehungen usw. wertvoller als deren weniger angenehme Pendants. Eine Welt mit reicheren lohnenden Erfahrungen ist, bei Gleichheit aller anderen Dinge, einer emotional vergleichsweise armseligen Welt vorzuziehen. Natürlich wird der Kritiker richtigerweise insistieren, dass die Dinge sehr häufig nicht gleich sind. Wir alle können zahlreiche Gegenbeispiele anführen. Intuitiv betrachtet sind es aber die Abweichungen von der These, die der Rechtfertigung bedürfen, nicht die Grund-These selbst.

Vielleicht ist diese Antwort ein wenig abstrakt. Versuchen Sie sich doch zur Verdeutlichung einen Moment lang das wundervollste „Hochgefühl“ Ihres Lebens vorzustellen. Stellen Sie sich vor, seine neuronalen Substrate wären identifizierbar, könnten genetisch optimiert und bedingt willentlich aktiviert werden. Nehmen Sie (umstrittener) an, dass utopische Neurowissenschaft in der Lage sein wird, die komplexen molekularen Signaturen aller wertvollen menschlichen Erfahrungen zu identifizieren und deren biologische Substrate zu verstärken. Werden post-humane Erfahrungen, die millionenfach wertvoller scheinen als heutige Hochgefühle, auch tatsächlich millionenfach wertvoller sein? Oder sind stattdessen, wie der moralische Nihilist behauptet, Werturteile aufgrund ihrer ureigenen Natur bedeutungslos? Ist diese Debatte nur bloße Meinung, da die Fakten-/Werte-Kluft logisch nicht überbrückbar ist? Hier lasse ich die Frage offen; aber wenn wir, vorläufig, annehmen, dass (einige) unserer Erfahrungen wertvoller sind als die besten Erfahrungen, sagen wir, eines Regenwurms, dann könnte man sich fragen, ob post-humane Modi des Empfindens nicht proportional wertvoller sind als unsere. Falls also Werte naturalisiert und biologisch verbessert werden können, weshalb sollte man dann nicht planen, wie man mit den bestmöglichen computertechnischen Mitteln einen andauernden Überfluss von deren biologischen Substraten schaffen kann? Oder lassen Sie uns zumindest einmal, bevor wir ein Urteil über post-humanes Wohlbefinden fällen, feststellen, was uns fehlt.

2) TECHNISCHER Einwand
Es ist allgemein verständlich, zu sagen, dass man 1000 mal größer wird – obwohl vielleicht die Biomechanik ein Problem darstellen könnte. Aber ergibt es überhaupt einen Sinn, zu sagen, dass man 1000 mal glücklicher wird – außer als rhetorisches Mittel? Kann Glück überhaupt in vernünftiger Weise als biologische Kategorie betrachtet werden? Ist emotionales Wohlbefinden wirklich ein natürliches Phänomen, das objektiv gemessen und quantifiziert werden kann? Haben Glück und andere erstrebenswerte Gemütszustände denn überhaupt genau definierte neurologische Substrate, die selektiv unbegrenzt verstärkt werden können? Gibt es überhaupt eine lineare Freude-Schmerz-Skala?

MÖGLICHE ANTWORT
„Glück“ ist in der Tat ein grobes Etikett, das alles umfassen kann, von den prächtigsten Triumphen des menschlichen Geistes bis hin zu einem schönen Tag am Meer. Das Identifizieren der molekularen Entsprechungen unserer emotionalen Zustände hinsichtlich Rezeptordichte, Neurotransmitterbelegungs-Quoten, alternativen Spleißvarianten, phosphorylierten Proteinen, Gensignaturen, usw., ist in der Tat eine gewaltige Herausforderung für die computergestützte Neurowissenschaft. In der Zukunft muss das konzeptionelle Modell unserer Emotionen, zusammen mit unserem emotionalen Repertoire selbst, bereichert werden. Letztlich könnten einige unserer hässlichen Emotionen abgeschafft werden: ihre fitnessverbessernde Rolle in der afrikanischen Savanne ist überflüssig geworden. Andere könnten neu kalibriert werden: das post-humane Analogon zur Langeweile muss sich nicht unangenehm anfühlen, um eine analoge funktionale Rolle zu erfüllen. Subjektiv betrachtet muss sich das post-humane Analogon lediglich vergleichsweise uninteressanter anfühlen als eine gebannte Faszination. Spekulativer ausgedrückt, könnten die Gene für neue Grundemotionen in die limbischen Bahnen geleitet werden: unsere emotionale Skala könnte genetisch erweitert werden. Ob eine lineare Freude-Schmerz-Skala existiert, ist umstritten. Bei Ratten zumindest ist der ultimative „hedonische Hotspot“ ein einzelnes, einen Quadratmillimeter großes Stück Gewebe inmitten von Dendriten in der rostrodorsalen Region der mittleren Schale des Nucleus Accumbens. Aber selbst wenn sich herausstellt, dass es nichts vergleichbares zu den finalen Belohnungsbahnen im menschlichen Gehirn gibt, würde eine solche Komplexität die technische Machbarkeit des unbegrenzten emotionalen Wachstums nicht grundsätzlich verändern. Wenn die Gehirn-Scanning-Technologie ausreift und präziser wird, werden wir in der Lage sein, multi-neuronale Entsprechungen des Wohlbefindens zu identifizieren und diese selektiv „überzubetonen“, auf eine Art und Weise, die das altmodische Herumbasteln an der Umgebung transzendiert.

Konkreter ausgedrückt: Erinnern Sie sich an die intelligenten „Doogie-Mäuse“ mit einer zusätzlichen Kopie des NR 2B-Subtyps des NMDA-Rezeptors, die an chronisch verstärkter Schmerzempfindlichkeit leiden. Das ist ein hässliches Beispiel. Umgekehrt können Neurowissenschaftler auf genetischen Weg im Prinzip auch zusätzliche Kopien anderer Rezeptor-Subtypen einbinden, z. B. µ-Opiat-Rezeptoren, beteiligt am hedonischen Tonus. Gentherapie kann bereits experimentell eingesetzt werden, um Tausende von Opiatrezeptoren zu vervielfältigen, die sich auf der Oberfläche von Nervenzellen befinden und Schmerzsignale zwischen arthritischen Gelenken und dem Rückenmark hin- und hersenden; der Schmerz verschwindet. In Zukunft kann die Ansprache von Nervenzellen auf natürlich auftretende endogene Opioide durch Rezeptor-Anreicherung auch im Gehirn verstärkt werden. Im Prinzip können wir deren lebenslange „Überbetonung“ abstimmen, sei es zeitweise erhöht (oder behutsam verringert), je nachdem, welche persönlichen oder umweltbedingten Varianten wir als „fit“ erachten. Wir können unsere Belohnungsbahnen sowohl funktionell als auch anatomisch „größer und besser“ machen. Allerdings umfasst eine intelligente emotionale Selbstkontrolle eine Neugestaltung von Geist/Gehirn, damit wir für jene Aktivitäten, die wir für dauerhaft erstrebenswert erachten, die intensivste Belohnung erlangen: d. h., dass wir unsere höher geordneten Wünsche über unsere überkommenen Begierden erster Ordnung stellen. Natürliche Auslese hat unsere Emotionen „enzephalisiert“, um unseren Genen zu nutzen. Rationale Agenten können unsere Emotionen „re-enzephalisieren“, um uns selbst zu nutzen.

Auf lange Sicht besteht die große technische Herausforderung vielleicht nicht darin, unseren „Belohungs“-Kreislauf an sich zu verstärken oder den „Bestrafungs“-Kreislauf genetisch neu zu schreiben, sondern vielmehr darin, dies auf sozial verantwortliche, intellektuell einsichtige und empathische Weise zu tun, unter Beibehaltung des Pflegeverhaltens und unter Vermeidung von Psychosen oder Manien bzw. anderer nachteiliger Nebeneffekte – sowohl für den optimierten Einzelnen als auch für die Gesellschaft als Ganzes. Dies sind ernstzunehmende Auflagen. Ein Problem beispielsweise mit existierenden so genannten Antidepressiva ist nicht nur, dass sie häufig ineffektiv und „schmutzig“ sind, sie können bei genetisch bedingter Anfälligkeit auch zu Manien anstatt zu hoch-funktionalem Wohlbefinden führen [siehe auch: „Touched with Fire: Manic-Depressive Illness and the Artistic Temperament“ (1993), Kay Redfield Jamison]. Sich wirklich „besser als gut“ zu fühlen beinhaltet nicht nur ein länger andauerndes Glücksgefühl, sondern auch den Erhalt von Einsicht, Sinnesschärfe und sozialer Intelligenz. In einer Manie geht das kritische Urteilsvermögen verloren.

Ich stelle hier eine kontroverse Hypothese auf. Die traditionelle Art, sagen wir, ästhetische Schönheit zu produzieren, ist, ein Gemälde oder eine Skulptur zu schaffen, die eine lohnende ästhetische Reaktion beim Betrachter auslöst. Daher der Begriff „die schönen Künste“. Der moderne Weg zu beeindruckender Schönheit führt über die Verwendung von Gehirn-Scanning-Technologie, das Identifizieren der neuralen Signatur ästhetischer Empfindung, das Aufbereiten von deren biomolekularer Essenz und das anschließende Verstärken ihrer Substrate. Transzendental schöne Erfahrungen auf Abruf können dann selektiv mit wesentlich größerer Stärke ausgelöst werden – vielleicht über ein intuitiv-benutzerfreundliches Interface wie bei Ihrem iPod, vielleicht gedankengesteuert, oder aber durch Stimuli, wie heute. Daher auch die Behauptung, dass Post-Humane eine angeborene Aufnahmefähigkeit für ästhetische Erfahrung haben könnten, die milliardenfach schöner sind als alles, was derzeit zugänglich ist – vermutlich noch mehr, wenn die idiotischen Beschränkungen des menschlichen Geburtskanals überwunden sein werden: künstliche Gebärmütter sind dann nicht mehr „unnatürlicher“ als künstliche Kleidung. Man sagt, dass Mystiker und Poeten die „Welt in einem Sandkorn sehen“ können; warum sollte in der Zukunft nicht auch der Rest von uns seine ästhetischen Grund-Einstellungen anheben, sodass unser Sollwert für die Wahrnehmung von Schönheit sich um eine wesentlich höhere Grundlinie herum bewegt. Der post-humane Schönheitssinn wird mit großer Sicherheit nicht uniform sein – also kein unterschiedsloses kosmisches „Wow“. Aber zumindest in einer Gruppe von Szenarien könnte das post-humane Alltagsleben vollständig aus Abstufungen der Erhabenen bestehen.

Oder, um ein anderes spekulatives Beispiel zu bemühen: Der traditionelle Weg zu spiritueller Erfahrung führt über meditative Disziplin und Gebet. Der futuristische Weg hingegen – falls man Spiritualität als eine wertvolle Erfahrungsdimension erachtet – über das Identifizieren der neuralen Substrate spiritueller Erfahrung, vielleicht sogar der neuralen Substrate göttlicher Offenbarung und Gotteserfahrung, eine Verstärkung und Befreiung von allem nebensächlichen Plunder, und eine anschließende Verstärkung ihrer molekularen Essenz und der metabolischen Pfade, die ihre Äußerung regulieren. Es müsste für unsere Nachfahren technisch möglich sein, sich täglich göttlicher Erfahrung zu erfreuen, milliardenfach tiefer als alles, was heutzutage physisch möglich ist. [Diese Argument eignet sich auch zur Widerlegung des Vorwurfs, dass Transhumanisten allesamt seelenlose Materialisten seien, die die reicheren Dimensionen der Erfahrung überhaupt nicht wahrnehmen. Einige von uns leben in der Tat in einem spirituellen Ödland. Aber ironischerweise sind es religiöse Biokonservativisten, die die Gottlosen davon abhalten, mit dem Göttlichen zu kommunizieren; und es sind traditionelle Mystiker, die den Rest von uns davon abhalten, die Techniken der mystischen Erfahrung anzuwenden.]

Zugegeben, diese Art von neurologischem Reduktionismus hat schnell einen Beigeschmack von Phrenologie. Kritiker könnten spotten, dass man dem Gehirn auch ein „Lachzentrum“ andichten – und dessen „biologische Substrate ebenfalls optimieren“ könnte. Lustigerweise hat das Gehirn ein Lachzentrum, nicht nur funktional, sondern anatomisch. Die einfache Stimulierung einer Region im linken temporalen Basalkortex, ruft das unbestimmte Gefühl hervor, dass alles zum Brüllen komisch ist. Aber anstelle einer bloßen Neurostimulation von einsichtslosem Vergnügen, könnten unsere Nachfahren (oder unser zukünftiges Selbst) sich entscheiden, die Grundeinstellung ihres angeborenen Sinns für Humor neu zu kalibrieren. Heute bezeichnen wir manche Menschen als veranlagungsbedingt humorlos; andere Menschen neigen dazu, die lustigen Seiten des Lebens zu sehen. Angenommen, ein ausgeprägter Sinn für Humor sei wertvoll, was, wenn wir unsere Neigung, Dinge lustig zu finden, neu einstellen könnten. Gibt es eine optimale Humor-Stufe für eine bestimmte Umgebung – niedrig und eher selten im rohen Darwin'schen Leben, ein wenig höher bei Post-Humanen? Oder sollte der Bereich unseres Sinns für Humor unendlich hochgefahren werden, wenn es die Bedingungen zulassen? Wenn wir erst in der Lage sind, die neuralen Substrate des Humors zu identifizieren, dann können wir diese auch biologisch unendlich anreichern. Theoretisch könnten, in einer existierenden Welt ohne Leiden, unsere Nachfahren einen Humor zu schätzen wissen, der milliardenfach ausgelassener ist, als alles, was heute möglich ist. Die traditionelle Art, Lachen zu erzeugen, ist es, immer bessere Witze zu erzählen oder ein komisches Meisterstück zu schreiben. Der anspruchsvolle post-humane Weg, um einen phantastischen Sinn für Humor zu schaffen ist nicht (nur), witziger zu sein, er liegt auch in der Verstärkung und Bereicherung der neuralen Substrate des Vergnügens. Dies mag wie ein Rezept für Albernheit anmuten. Andererseits: Erinnern Sie sich Wittgensteins Bemerkung, dass man ein gutes philosophisches Werk schreiben könne, das ausschließlich aus Witzen besteht. In einer Darwin'schen Welt voller Leiden mag eine solche Aussicht obszön anmuten; morgen könnte eine solche Denkweise völlig angemessen sein.

Gut, das ist vielleicht ein skurriles Beispiel. Aber genau dasselbe Argument trifft für die Informationsübertragung der Stufen des Glücks zu; und selbst bei einer schwachen Variante des Lustprinzips ist die Anpassung eines Motivationssystems, basierend auf Stufen des Wohlbefindens, soziologisch plausibler als eine gesteigerte Tendenz, alles witzig zu finden. Folglich lag der archaische Weg, das Wohlbefinden zu steigern, in einer Manipulation der äußeren Umgebung – unterstützt durch gelegentlichen inkompetenten Alkoholmissbrauch. Environmentalistische Utopien scheitern ausnahmahmlos an der menschlichen Natur und der inhibitorischen Feedback-Mechanismen der hedonischen Tretmühle. Wireheading ist das genaue Gegenteil: die direkte Stimulation der Glückszentren. Wireheading ist effektiv, aber wahllos. Es ist keine evolutionär stabile Lösung. Der reife post-humane Weg zum Glück wird vermutlich auch weitere Verbesserungen in der Umwelt mit einschließen; aber eine Umwelt wahrgenommen/simuliert durch welche Art von emotionalen Filtern? Möglicherweise wird der post-humane sensorische Input über ein immanant glückliches Denkmedium gesteuert. Natürlich ist es technisch wesentlich schwieriger, die Stufen komplexer, „dichter“ sozialer Emotionen zu verstärken als pures orgastisches Glück oder sogar spirituelles Entzücken. Doch kann eine solche Verstärkung, wenn gewünscht, durchgeführt werden, wenn Neuroscanning-Technologien und Gen-Therapie ausgereifter sind. Technologien des dauerhaften zerebralen Glücks sind im Prinzip machbar. Die Herausforderung besteht darin, sie weise und global (und darüber hinaus) einzusetzen. Unglücklicherweise ist „Weisheit“ hier nicht hinreichend definiert.

3) „ERFAHRUNGSMASCHINEN“-Einwand
Diesem Einwand zufolge entspricht die Aussicht auf ein „künstliches“ Hochfahren unseres hedonischen Sollwerts durch biotechnische Eingriffe genau einer Version der hypothetischen Erfahrungsmaschine des Harvard-Philosophen Robert Nozick. Erinnern Sie sich einmal an den kurzen Abschnitt aus Anarchy, State, and Utopia (1974), wo Nozick angeblich den ethischen Hedonismus widerlegt, indem er uns bittet, uns eine utopische Maschine vorzustellen, die in ihrem Benutzer willentlich jegliche Erfahrung erzeugen kann. Eine echte Erfahrungsmaschine würde vermutlich auch Superauthentizität bieten: ein Benutzer würde sich wahrscheinlich dazu gratulieren, dass er sich entschlossen hat, mit der realen Welt verbunden zu bleiben – und es in weiser Voraussicht abgelehnt hat, sich den Schmeicheleien der Erfahrungsmaschinen-Apostel und ihren weltfremden Phantasien hinzugeben. Jedenfalls würde diese hypothetische Möglichkeit, zu bezeugen, dass alle unsere Träume in Erfüllung gehen, stünde sie uns denn zur Verfügung, wahrscheinlich von den wenigsten genutzt werden. Unsere Ablehnung zeigt, dass wir wesentlich mehr als die reine Erfahrung wollen. Sicher, wenn dieser Einwand erhoben wird, kann eine reife Neurowissenschaft technisch in der Lage sein, Erfahrungen zu schaffen, die millionenfach wunderbarer sind, als alles, was dem Darwin'schen Geist offen steht. Aber was solls? Es sind vom Geist unabhängige Fakten in der realen Welt, die eine Bedeutung haben – und in gewisser Hinsicht auch für uns eine Bedeutung haben – nicht irgendein falsches Glück.

MÖGLICHE ANTWORT
Dieser Einwand ist alles andere als phantasievoll. In der Zukunft sind Technologien wie die Erfahrungsmaschine wahrscheinlich technisch machbar, vielleicht mit einer Kombination von immersiver Virtual Reality, neuralen Nanobots und einer Neuverdrahtung der Glückszentren. Es ist denkbar, dass solche Technologien weiträumig oder sogar ubiquitär verfügbar sein werden, ob deren globaler Einsatz jedoch jemals soziologisch und entwicklungsmäßig für eine ganze Population stabil sein kann, ist problematisch. [Stellt man sich vor, die Erfahrungsmaschine könne wirklich ubiquitär werden, muss man sich fragen (Schatten des Simulationsarguments), mit welcher statistischen Wahrscheinlichkeit wir nicht bereits an eine solche angeschlossen sind. Diese Hypothese ist wesentlich verlockender, wenn Sie ein lebensbejahender Optimist sind, der glaubt, dass er in der besten aller Welten lebt und kein depressiver Darwinist, der überzeugt davon ist, in einem üblen Kellerloch zu stecken].

Machbar oder nicht, Erfahrungsmaschinen sind nicht die Art von hedonischem Engineering, über die wir hier sprechen. Die genetische Neukalibrierung unserer hedonischen Tretmühle auf stufenweise erhöhte Einstellungen bedarf nicht des Wachstums eskapistischer Phantasiewelten. Maßvolle, stufenweise Erhöhung des normalen hedonischen Tonus kann (Post-)Humanen einen ebenso vertrauten Umgang mit der Welt – und miteinander – ermöglichen wie zuvor, vermutlich sogar einen besseren. Im Gegensatz dazu sind es soziale Angststörungen und klinische Depressionen, die mit Verdrängungsverhalten und Rückzug assoziiert werden. Bei Gleichheit aller anderen Dinge, wird eine schrittweise glücklichere Bevölkerung auch eine höhere soziale Beteiligung zeigen – sowohl untereinander als auch hinsichtlich der Konsensrealität. Es ist erwähnenswert, dass in der heutigen Zeit die glücklichsten Menschen in der Regel auch das reichste soziale Leben führen; im Gegensatz dazu tendieren depressive Menschen eher zu Einsamkeit und sozialer Isolation. Post-humane geistige Supergesundheit könnte sich in der Tat auf unfassbare Weise von der Welt der heutzutage glücklichsten Menschen unterscheiden: voller Sinnhaftigkeit und pulsierend authentisch, in einem Maß, das wir uns physiologisch überhaupt nicht vorstellen können. Doch ist dieses wunderbare Ergebnis nicht dadurch erklärlich – oder muss es zumindest nicht sein – weil unsere Nachfahren Eskapisten sind, die sich in Erfahrungsmaschinen eingeklinkt haben, sondern weil stattdessen das post-humane Leben an sich wundervoll ist.

Vielleicht. In der Tat ist die obige Antwort auf den Erfahrungsmaschinen-Einwand allzu simpel. Sie übersimplifiziert die Angelegenheit, weil es für eine ganze Reihe von Phänomenen schlicht keine geistes-unabhängigen Fakten gibt, die unter Umständen Einwände in der Art des Erfahrungsmaschinen-Einwands rechtfertigen könnten – und behindern den künftigen Einsatz von Technologien wie Erfahrungsmaschinen, aus Furcht, dass wir unseren Bezug zur Realität verlieren könnten. Vergleichen Sie, sagen wir, mathematische Schönheit mit künstlerischer Schönheit. Wenn Sie ein engagierter Mathematiker sind, dann möchten Sie nicht nur die Erleuchtung beim Lösen einer wichtigen Gleichung oder beim Ausarbeiten eines eleganten Beweise für ein mathematische Theorem erleben. Sie möchten dann auch, dass die Lösung oder der Beweis in einem tiefen platonischen Sinn wirklich stimmt. Wenn Sie jedoch, sagen wir, eine Skulptur oder ein Gemälde schaffen, dann liegt dessen Schönheit (oder Hässlichkeit) unausweichlich im Auge des Betrachters; es gibt keine geistes-unabhängige Wahrheit jenseits der subjektiven Reaktion des Betrachters. Für einen Ästheten, der nach der Erfahrung von überwältigender Schönheit strebt, gibt es schlicht keine Fakten jenseits der Erfahrungsqualität selbst. Die Schönheit ist nicht weniger real, und mit Sicherheit scheint sie eine Tatsache dieser Welt zu sein; aber sie ist subjektiv. Wenn dem so ist, weshalb dann nicht die Substrate post-humaner Superschönheit schaffen anstatt nur künstlerisches Hübschsein?

Es gibt auch die Ansicht, dass unser Gehirn bereits eine (dysfunktionale) Erfahrungsmaschine ist. Denken Sie einmal ans Träumen. Sollte man Medikamente einnehmen, um den REM-Schlaf zu unterdrücken, weil Träume nicht real sind? Oder sollte im Wachzustand der Anblick eines schönen Sonnenuntergangs durch das Wissen getrübt werden, dass dessen sekundäre Eigenschaften, wie z. B. Farbe geistes-abhängig sind? [Die Quantentheorie schlägt vor, dass klassische makroskopische „primäre“ Eigenschaften, wie sie normalerweise wahrgenommen werden, ebenfalls geistes-abhängig sind; aber das ist eine andere Geschichte.] Wenn Sie farbenblind geboren wurden und die Welt lediglich in verschiedenen Grautönen wahrnehmen, sollten Sie dann als nüchterner wissenschaftlicher Rationalist, eine Gen-Therapie, die Ihnen das Farbsehen ermöglicht, ablehnen, nur aufgrund der Tatsache, dass die wahrgenommenen Farben gar nicht echt sind – und das Gras gar nicht von Natur aus grün? Nein, nach allgemeiner Übereinkunft bereichert uns die visuelle Erfahrung, selbst wenn, streng genommen, wir die Realität schaffen anstatt sie zu simulieren und/oder zu perzipieren. Oder um ein anderes Beispiel anzuführen: was, wenn neurale Optimierungstechnologien in der Lage wären, unsere ästhetischen Filter kontrolliert zu modifizieren, sodass wir eine 80-jährige Frau reizvoller finden als eine 20-jährige? Ist diese Wahrnehmung falsch oder unauthentisch? Intuitiv betrachtet, vielleicht. Tatsächlich ist diese Wahrnehmung nicht mehr oder weniger authentisch, als wenn man eine 20-jährige Frau wegen ihres guten reproduktiven Potentials als reizvoller erachtet. Die Evolution hat unsere existierenden Wahrnehmungsfilter in einer Art und Weise beeinflusst, dass sie die inklusive Fitness unserer Gene in der Umgebung unserer Vorfahren maximieren konnten; in Zukunft jedoch können wir das Wohlbefinden ihrer Träger (also unseres) verbessern. Stufen des Wohlbefindens, milliardenfach reicher als alles, was Menschen kennen, sind weder mehr noch weniger echt als das Grün des Grases (oder die Reize von Marilyn Monroe). Könnten solche Erfahrung so allgemein werden wir grünes Gras? Noch einmal: Ich vermute schon, aber Spekulieren ist einfach.

4) „UNANGEMESSENES VERHALTEN“-Einwand
Einige Kritiker befürchten, dass das Fördern von Superglück zu dem führen könnte, was man als zwanglose, „unangemessene“ Verhaltensreaktionen bezeichnen kann. Die abschreckenden Beispiele sind hier notwendig, weil unsere Auffassung von Angemessenheit systematisch durch unsere evolutionäre Vergangeheit geprägt wurde. Alle unsere Instinkte sind verdorben. Um Ihnen ein konkretes Beispiel von Unangemessenheit zu geben, wie sie gewöhnlich verstanden wird: Stellen Sie sich vor, sie kämen unter die sprichwörtlichen Räden. Selbst wenn Ihnen der Unfall kein Leiden verursacht, wollten Sie wirklich, dass Ihre Freund fröhlich bleiben, wenn Sie davon erfahren, trotz ihres Unglücks? Weniger dramatisch ausgedrückt, selbst wenn das Leben besser wird, werden wir vermutlich auch weiterhin Fehler machen. Es wird Rückschläge und Uneinigkeit geben, vielleicht anstrengende Uneinigkeit. Negatives Feedback ist entscheidend für das Bewahren von kritischer Einsicht. Selbst wenn das Leiden, wie wir es heute kennen, abgeschafft ist, brauchen wir dann nicht etwas analoges zu Angst und Unzufriedenheit als Motor des Fortschritts?

MÖGLICHE ANTWORT
Ein Gegenargument wäre hier, dass selbst bei radikalem Bereichern des hedonischen Tonus der volle Umfang der negativen Feedback-Mechanismen erhalten werden kann. Optional kann sogar der Umfang des hedonischen Kontrastes vergrößert werden – selbst wenn der post-humane, genetisch vorgegebene affektive Boden höher liegt als heutzutage die affektive Decke. Für die meisten Zwecke dürften vermutlich feine Abstufungen und Nuancen des hedonischen Tonus ausreichend sein. Optimierte Post-Humane können nach wie vor informationell für gute und „schlechte“ Stimuli empfänglich sein, auch wenn die Grundlinie des hedonischen Sollwerts weit über die heutige Norm hinaus erhöht ist. Wir können nach wie vor die funktionalen Analogien einiger der heutigen negativen Gefühle wahrnehmen, selbst wenn die Texturen des Bewusstseins immer besser werden.

Optional ist es auch möglich, das meiste in der Struktur unserer Vorlieben zu erhalten. Wenn Sie Beethoven lieber mögen als Brahms oder Philosophie einer Reißzwecke vorziehen, dann bleibt diese Struktur Ihrer Vorlieben auch bei einer Anhebung des hedonischen Tonus mehr oder weniger intakt. Das Verhältnis der hedonischen Kontraste kann im Prinzip erhalten werden, selbst wenn die Skala an sich neu kalibriert wird. Nun gibt es natürlich ernsthafte Gründe, zu fragen, ob man die existierende Struktur der Vorlieben tatsächlich erhalten möchte. Immerhin sind einige unser Kern-Wünsche und Vorlieben doch recht unangenehm: sie sind entstanden durch die menschliche Evolutionsgeschichte, „rot an Zähnen und Klauen“, um einer eigennützigen DNA die Möglichkeit zu geben, sich häufiger zu reproduzieren. Vielleicht sollte eine Menge unserer hässlichen Vorlieben abgeschafft, und nicht nur neu kalibriert werden. Aber der „Vorlieben-Konservativismus“ ist mit den hier erörterten hedonischen Bereicherungs-Technologien vereinbar – zumindest als theoretische Option. In der Praxis würde eine stimmungskongruente konzeptionelle Revolution (vermutlich) mit einer globalen hedonischen Bereicherung einhergehen. Deren Wesen und Umfang können wir uns heutzutage schwerlich vorstellen.

Und wie steht es mit der Trauer? Sollte diese abgeschafft werden, bevor der Tod überwunden ist – eine weitaus anspruchsvollere biotechnische Herausforderung als das subjektive Verbessern des Wohlbefindens. Gut, wenn ich unter die sprichwörtlichen Räder käme, würde ich in der Tat wollen, sicherlich egoistisch, dass ein solcher Unfall das Wohlbefinden meiner Freunde verringert. Ansonsten könnte ich sie schwerlich als Freunde betrachten. Aber wenn man seine Freunde wirklich schätzt, dann würde man – dann sollte man – nicht wollen, dass diese jemals auf unsere Kosten leiden. Eine ursachenbedingte Reduktion ihres Wohlbefindens, behaupte ich, ist das höchste, das man angemessenerweise einfordern kann. Wenn wir schon über „unangemessene“ Reaktionen sprechen, dann wäre stattdessen der Darwin'sche Wunsch, dass andere leiden, bisweilen auch jene, die wir nominell „lieben“, ein erstklassiges Beispiel.

Prosaischer ausgedrückt: Man kann nur hoffen, dass Transhumanisten beim Überqueren der Straße vorsichtig sind.

5) Der CHARAKTERSCHWUND-Einwand
Das fünfte Problem liegt darin, dass extremes Wohlbefinden – wiederum salopp ausgedrückt – schlecht für unseren Charakter sein könnte. Man denkt an Partygänger, die einem „hedonistischen“ Lebensstil im gängigen Sinn des Begriffs frönen, an Drogenabhängige, oder an inkompetente Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen. Ein futuristisches Beispiel für Charakterschwund könnte in Varianten des Wireheading liegen – vielleicht in Form eines Neurochips, der undifferenziertes Glück hervorruft. Gewöhnlich rufen Episoden von „unnatürlich“ extremem Wohlbefinden Egoismus, Selbstverherrlichung, eingeschränktes Urteilsvermögen, Risikobereitschaft, manisches Verhalten – und einem Mangel an Rücksicht gegenüber anderen hervor. Sicher, wenn dieser Einwand erhoben wird, lässt die Zukunft des Lebens im Universum dann nicht Analogien von Wireheading, Heroin oder Crack vorausahnen?

MÖGLICHE ANTWORT
Ganz und gar nicht. Ein Gegenargument wäre hier, dass wirkliches hedonisches Engineering, im Unterschied zu sinnlosem Hedonismus oder rücksichslosem persönlichem Experimentieren, sogar äußerst förderlich für unseren Charakter sein kann. Von charakterbildenden Technologien können sowohl Utilitaristen als auch Nicht-Utilitaristen profitieren. Möglicherweise können wir eine Annäherung von Biotechnologie, Nanorobotik und Informationstechnologie nutzen, um Kontrolle über unsere Emotionen zu erlangen und bessere (post-)humane Wesen zu werden – Tugenden wie Charakterstärke und Anstand kultivieren, gütiger und freundlicher werden, mitfühlender: also jene Art von (post-)humanen Wesen werden, die wir vielleicht gerne sein möchten, jedoch nicht sind, und biologisch – mit der neuralen Maschinerie eines nicht-optimierten Geistes – auch nicht werden können. Im Rahmen unserer Darwin'schen Biologie sind zu viele Varianten von bewunderswertem Verhalten einfach nicht lohnend genug, um sie dauerhaft zu praktizieren: unsere zweitrangigen Wünsche, ein besseres Leben zu leben, als bessere Menschen, sind häufig nur matter Widerhall unserer niederen Leidenschaften. Zu viele Formen zerebraler Aktivität sind nicht unmittelbar lohnend und erfordern eine höhere Kapazität für verzögerte Belohnung als ihre geistig anspruchslosen Gegenstücke. Gleichermaßen sind viele Formen altruistischen Verhaltens – schon das Spenden von dürftigen 10% des eigenen Einkommens an die Hungerhilfe – weniger befriedigend als der persönliche Konsum. Aber in Zukunft sollte es machbar sein, Stufen von reichem Glück auch durch 16 Stunden tägliches Lernen zu erlangen, oder davon, dass man engelhaft gütig oder „wahnsinnig“ großzügig ist. Post-humane Kontrolle unserer Emotionen sollte es uns ermöglichen, jene Charakterzüge zu verstärken, die wir als bewundernswert erachten, und auf diese Weise die Beschränkungen des Darwin'schen Geistes zu überwinden – in einer Art und Weise, die eine bloße Manipulation der Umgebung nicht bewirken kann. Auf vordergründige Art ermöglicht uns Second Life, die Rolle von Wesen anzunehmen, das wir idealerweise gerne wären; aber zukünftige Optimierungs-Technologien könnten uns befähigen, auch in der realen Inkarnation ideale Wesen zu werden.

Ein Problem eines solch rosigen Szenarios sollte nicht unerwähnt bleiben. Wird uns genetisch garantiertes Superglück die Möglichkeit der Charakterbildung und des persönlichen Wachsens an Schwierigkeiten nehmen, und die Chance, heroische Selbstaufgabe zu praktizieren?

Nun, von der seligen Madame de Staël wurde gesagt, dass sie all ihre Freunde gerne ins Wasser geworfen hätte, nur um der Freude willen, sie wieder herausziehen zu können; und sicher gäbe es in einer Gesellschaft, die auf Superglück basiert, keinen Bedarf für Heldentum im traditionellen Sinne. Allerdings muss uns lebenslange mentale Supergesundheit nicht zu Weichlingen machen. Ganz im Gegenteil: ein super-optimierter Belohnungskreislauf verspricht vielmehr, uns willensstärker zu machen und dadurch besser in der Lage, unsere Lebensziele zu erreichen – und das Wohlbefinden anderer zu fördern. Es sind die klinisch Depressiven und andere Opfer von „erlernter Hilflosigkeit“, die zu leicht aufgeben. Leider ist mehr als nur ein Körnchen Wahrheit an dem gängigen Klischee, dass depressive Menschen „schwach“ seien. Im Gegensatz dazu, verspricht genetisch vorbestimmtes Superglück den Kinder von Morgen „überlebensgroße“ Persönlichkeit, kompromisslose Rechtschaffenheit, und eine Willenskraft, stärker als alles, was heutzutage neurologisch möglich ist. Vielleicht wird Superglück es auch den Nicht-Utilitaristen ermöglichen, ihre Ziele effektiver zu verfolgen.

Offensichtlich bleibt die Frage völlig offen, ob wir solche Technologien tatsächlich umsichtig anwenden – falls wir sie überhaupt nutzen? Aber angesichts der schrecklichen emotionalen Darwin'schen Schiffbrüche, weshalb sollte wir unsere Persönlichkeiten nicht (um-)gestalten, damit sie zumindest exakt den Vorgaben entsprechen, die wir, sagen wir von unseren Autos erwarten? Warum sollte das post-darwin'sche Leben nicht robust, anregend und verkehrssicher sein?

6) Der „BETRIEBSBLINDHEITS“-Einwand
Hier handelt es sich um das Problem, dass eine direkte Verbesserung des Wohlbefindens durch neurobiologische Eingriffe zu einer Gesellschaft führt, die in einer suboptimalen Spur festsitzt. Dies ist nicht der historisch begründete Einwand, dass das Verfolgen utopischer Visionen unausweichlich zu alptraumhaften Dystopien führt. In der Tat gibt es eine vielleicht wichtige Auffassung, laut derer – in der gewöhnlichen unangenehmen Bedeutung – nichts schief gehen kann, wenn man die Substrate von Leiden und Unwohlsein durch adaptive Stufen von Glück ersetzt. Aber das ist der Punkt, der diesem Einwand zugrunde liegt: wenn man zu gierig und verfrüht nach dem greift, was sich einem bietet, kann uns dies permanent auf einem lokalen Optimum einfrieren, das uns davon abhält, unser Potential zu maximieren – was immer unser volles Potential auch sein mag. Man könnte hier an lang wirkende Analogons zu Soma denken, Aldous Huxleys angeblich idealer Glücksdroge, oder an ausgereiftere und global dauerhafte Analogien des Wireheading. Nein, es ist nicht der Gulag, aber sind Transhumanisten berechtigt, mehr zu erwarten?

MÖGLICHE ANTWORT
Noch einmal, dieses Szenario kann nicht ausgeschlossen werden. Aber seine bloße Vorstellung ist ein Grund mehr, weshalb die Menschheit besser daran täte, strategisch vorauszudenken, als kollektiv „über das Glück zu stolpern“, um es mit Daniel Gilberts hoffnungsvollem Satz zu sagen. Die Wahrscheinlichkeit, die wir solchen globalen Betriebsblindheits-Szenarien zuordnen, hängt von der Art des biologisch optimierten Wohlbefindens ab, wenn es denn welches gibt, zu dem sich unsere Nachfahren entschließen. So mag beispielsweise das genetische Verschlüsseln der Substrate von kontemplativem, mystischem Wohlbefinden für heutige Menschen mit einem aufgewühlten Geist attraktiv erscheinen, hauptsächlich dann, wenn sie veranlagungsbedingt unruhig und von Ängsten getrieben sind. Buddhisten indessen setzen die Auslöschung allen Begehrens mit dem Nirwana gleich. Jedoch könnte die globale Konstruktion dieser Art von lebenslangem Glück in der Tat zu einer Verhaltensstagnation führen – zu einer ganzen Zivilisation in fortwährendem Stillstand – selbst wenn dies mit einem beispiellosen spirituellen Wachstum einherginge. Na und, könnte man als Reaktion darauf sagen. Aber anstatt grundsätzlich gelassen zu werden, sollten die Entscheidungsträger vielleicht anlässlich des „Betriebsblindheits“'-Einwands Elemente vorantreiben, die man (sehr) grob als dopamin-optimiertes Wohlbefinden bezeichnen könnte – mit seiner Tendenz zu neugierigem, forschendem Verhalten und intellektueller Wissbegier. Leider birgt diese Art des Wohlbefindens eine Menge Fallstricke. Die Modi des biologischen Wohlbefindens, die sich radikal von allen derzeitigen menschlichen Klischees unterscheiden, bedürfen ebenfalls einer eingehenden Untersuchung. Aber zumindest mittelfristig ist eine „weltoffene“ Zukunft wahrscheinlicher als eine introvertierte Zivilisation, die auf den Varianten von meditativem Glück basiert. Eine ökologische Nische in Gestalt unserer eigenen Galaxis bleibt zu bevölkern. Freie ökologische Nischen werden meistens besetzt. Sofern wir nicht alle kontemplativ werden, oder wir uns alle dafür entscheiden, in immersiver VR zu leben, usw., ist es wahrscheinlich, dass unsere Nachfahren ausschwärmen, um das erreichbare Universum innerhalb unseres Lichtkegels zu kolonisieren. Was sie als nächstes tun, ist unklar.

7) Der „SOZIAL ZERSTÖRERISCH“-Einwand
Biologisch optimiertes Wohlbefinden könnte katastrophal zerstörerische Auswirkungen auf die weitreichenden gesellschaftlichen Strukturen haben. Dieser Einwand ist sehr konträr zu den üblicherweise geäußerten Bedenken, dass „künstliches“ Glück uns zu zufriedenen Betrogenen machen würde, viel anfälliger für die Kontrollierbarkeit durch eine herrschende Klasse (siehe Huxleys Soma). Stattdessen lautet das Argument hier, dass super-optimiertes Wohlbefinden empfindlich in die soziale Hackordnung eingreifen würde – also in die Dominanzhierarchien, auf denen die Gesellschaften aller sozialen Primaten basieren. Niedergeschlagenheit und unterwürfiges Verhalten, entstanden in sozialen Verbänden von Säugetieren als Anpassung an das Gruppenleben – und als Anpassung an die Raubtiere. Die Abschaffung der Substrate von sozialer Angst/Niedergeschlagenheit/unterwürfigem Verhalten könnte uns alle zu potentiellen „Alphas“ machen. Zügelloses Alpha-Plus-Verhalten würde die Gesellschaft unregierbar machen, selbst im minimalen libertären Sinne.

MÖGLICHE ANTWORT
Das Gegenargument hier lautet, dass solche Szenarien lediglich verdeutlichen, wie wichtig es ist, weitsichtig zu planen. Unkontrollierte massenhafte Verbesserung der Gestimmtheit – im Gegensatz zu emotionaler Bereicherung – könnte in der Tat ein sozial zerstörerisches hyper-konkurrenzbetontes Verhalten provozieren, zusammen mit einem globalen Katastrophenrisiko. Konkurrenzbetontes Alphamännchen-Dominanzverhalten im Zeitalter nuklearer, biologischer und chemischer Waffen ist die schwerste Bedrohung für alles Leben auf der Erde. Daher ist dieser Einwand in Wahrheit wesentlich ernsthafter als er zunächst scheint. Andererseits kann sich eine Verbesserung der Gestimmtheit auch in einer mitfühlenden und sozialen Art und Weise auswirken. Die „Spiegelneuronen“ beispielsweise könnten ebenso vermehrt und funktionell verstärkt werden wie der hedonische Tonus, und damit einhergehend auch unsere Neigung zu kooperativem Verhalten verstärken. In gleicher Weise wären auch lang wirkende Designer-„Hugdrugs“, sichere und nachhaltige Analogons von MDMA und seinen Kongeneren möglich – wie auch ihre genetischen Äquivalente. Sozialer Zusammenhalt könnte biologisch verstärkt werden. Die möglichen Auswirkungen einer radikalen Verbesserung der Gestimmheit auf die bestehenden sozialen Hierarchien sind nur wenig bekannt, da solche Szenarien noch nie systematisch entwickelt wurden. Diese Unterlassung ist jedoch kein Grund, den größeren Teil der Menschheit permanent in der Biologie von unterwürfiger Ängstlichkeit „einzufrieren“ – ein Zustand bei vielen „niederen“ sozialen Primaten in der heutigen Welt.

8) Der SELEKTIONSDRUCK-Einwand
Es könnte kurzfristig technisch möglich sein, die Substrate des Wohlbefindens über einen ganzen Lebenszeitraum hinweg direkt zu verstärken. Es könnte sogar technisch möglich sein, unseren normalen hedonischen Sollwert durch somatische oder Keimbahn-Gentherapie zu erhöhen. Langfristig gesehen allerdings wird es einen Selektionsdruck gegen steigende Stufen von Superglück geben. Die hier besprochenen Szenarien sind also nicht realistisch.

MÖGLICHE ANTWORT
In einer Welt ohne Altern, Jahrhunderte entfernt, kann eine Reproduktion nur außerordentlich selten stattfinden und muss zentral kontrolliert sein– unabhängig davon, ob unsere quasi-unsterblichen Nachfahren nun hedonisches Engineering betreiben oder nicht. Anderenfalls wird die Erde (oder theoretisch auch unsere Galaxie oder lokaler galaktischer Supercluster, usw.) die physische Aufnahmekapazität überschreiten. Wie auch immer, diese Art der Spekulation beinhaltet sehr komplexe Ansichten darüber, wie der Selektionsdruck in einem Zeitalter, in dem die traditionelle Art des Kindesgeburt mehr oder weniger nicht mehr existiert, geartet ist.

In der Zwischenzeit wird es einen intensiven Selektionsdruck geben, und es gibt gewichtige Gründe dafür, anzunehmen, dass ein solcher Selektionsdruck gegen jegliche Genotyp-/Allel-Kombination arbeitet, die das Darwin'sche Unwohlsein in all seinen Ausprägungen begünstigt. Dies deshalb, weil wir am Rand einer reproduktiven Revolution der Designer-Babys stehen. Künftige Eltern werden schon bald das genetische/Persönlichkeits-Make-Up ihrer Kinder auswählen anstatt genetisches Roulette zu spielen. Wenn verantwortungsvolle Kindesplanung gängig und Präimplantations-Diagnose zur Routine wird, kommt ein harter Selektionsdruck ins Spiel gegen Gene/Genotypen, die eine Vorprägung für die dunkleren Seiten des menschlichen Erfahrungsbereichs begünstigen. Dies ist nicht der Ort für eine formale spieltheoretische Modellierung oder eine Abhandlung über post-humane Populationsgenetik. Zur Illustration stellen Sie sich doch einfach einmal vor: Sie würden als Eltern das genetische Make-Up Ihrer künftigen Kinder auswählen. Welche genetischen Voreinstellungen würden Sie dann wählen? Doch bestimmt keinen Genotyp mit einer Prädisposition zu Angststörungen, Depressionen, schizoiden Tendenzen und anderen eindeutigen seelischen Krankheiten. Aber wie hoch (oder theoretisch auch wie niedrig?) würden Sie den normalen hedonischen Tonus Ihrer Kinder ansetzen wollen? Kulturübergreifend sagen Eltern typischerweise, sie möchten, dass ihre Kinder glücklich sind. Sicher, aber wie glücklich? Rothaarige möchten vielleicht rothaarige Kinder, aber nur wenige depressive Menschen wollen depressive Kinder. Alles, was nötig ist, damit der Selektionsdruck hier wirksam werden kann, ist das teils erbliche Vorziehen von Kindern, die veranlagungsbedingt ein wenig glücklicher sind [oder ein bisschen weniger trübsinnig] als man selbst. Der Selektionsdruck ist grundlegend anders, wenn die Evolution hinsichtlich dessen, was durch natürliche Auslese begünstigt wird, nicht mehr „blind“ und zufällig ist, d. h.: wenn Gen-/Allel-Kombinationen in Erwartung ihrer wahrscheinlichen Auswirkungen gewählt/gestaltet werden. Diese Art Selektionsdruck ist bei nicht-menschlichen Haustieren bereits manifest; bald kommt er auch beim Menschen ins Spiel. Aus diesem Grund ist es berechtigt, von einem bevorstehenden post-darwin'schen Zeitalter zu sprechen – nicht etwa, weil es keinen Selektionsdruck mehr gäbe (im Gegenteil!), sondern weil wir uns am Übergang von einer Ära der „natürlichen“ zur „unnatürlichen“ Auslese befinden.

Diese bedeutsame reproduktive Veränderung schließt die Wahrscheinlichkeit eines anhaltenden Selektionsdrucks gegen einige Ausprägungen des subjektiven Wohlbefindens nicht aus, z. B. gegen undifferenziertes Glück. Wireheads und ihre natürlichen Analogons beispielsweise werden sich vermutlich immer in einem reproduktiven Nachteil befinden. Aber ein anregendes System von hoch-funktionalen Stufen des Superglücks könnte extrem adaptiv sein, falls dies denn der Verhaltensphänotyp ist, den wir uns für unsere Kinder wünschen. Kinder mit der genetischen Prädisposition, überaus glücklich und liebevoll zu sein, sind wesentlich einfacher zu erziehen als mürrische, depressive Kinder. Es sollte betont werden, dass dieses optimistische Szenario nicht bedeutet, dass post-humanes soziales Leben einem gemeinschaftlichen Umarmungsfest oder MDMA-geschwängerter Schwärmerei gleicht. Selbst im Paradies kann es funktionale Analogien von depressivem Realismus geben.

9) Der ÜBEREILUNGS-Einwand
Die Priorität sollte bei Superintelligenz liegen, nicht beim Superglück. Erst wenn wir intelligent genug sind, die Folgen dessen, was wir tun oder tun sollten, zu verstehen, sollten wir radikale Stimmungs-Bereicherung erforschen. Das Risiko, vorschnell zu handeln und ein Narrenparadies zu errichten, ist zu hoch.

MÖGLICHE ANTWORT
Nach Sachlage der Dinge dürfte dieser Einwand durchaus berechtigt sein. Nur Superintelligenz kann die Nutzenfunktion des Universums maximieren. Aber emotionale Optimierung – im Unterschied zu plumper Glücksverstärkung – ist vermutlich eine wesentliche Zutat zur Superintelligenz. Wir sollten uns also bemühen, keine falsche Dichotomie zu konstruieren: Reife Superintelligenz umfasst vermutlich eine unvorstellbar bereicherte Fähigkeit zu empathischem Verständnis – einen „Blick aus Gottesaugen“. Dieser Punkt ist relevant, da – bei bescheidener Mutmaßung und selbst der leisteten Empfindung von moralischer Dringlichkeit – wir darauf vorbereitet sein sollten, wenn nötig, das Risiko einzugehen, eine schreckliche Geißel zu eliminieren, um Leiden und Grausamkeit von unseren Mitgeschöpfen abzuwenden oder aber zu handeln, wenn das Risiko des Nicht-Handelns größer ist als das des Handelns. Wichtig ist, das Risiko-Nutzen-Verhältnis abzuschätzen. Eine offensichtliche Parallele ist das Altern. Einfach gesagt, wir werden alle sterben. Wenn man das Altern als schreckliche Krankheit betrachtet, ist man vielleicht bereit, Risiken einzugehen, um dessen Fortschreiten zu hemmen. Vielleicht nimmt man jeden Tag Nahrungsergänzungsmittel zu sich (z. B. Resveratrol, Selegilin, usw.), die die Lebensdauer und Lebenserwartung bei „Versuchstieren“ steigern, aber deren Wirksamkeit und langfristige Unbedenklichkeit noch nicht durch Langzeitstudien beim Menschen belegt ist. Vielleicht verkennt eine Minderheit der „gesunden“ (d. h. sterbenden) Menschen, die einer solchen Kur zustimmen, das damit einhergehende Risiko-Nutzen-Verhältnis; aber wenn dem so ist, so liegt der Fehler nicht an dem Willen, ein kalkuliertes Risiko einzugehen – sondern nur in deren Fehlkalkulation. Trägheit birgt nicht weniger Tücken als Initiative. Ebenso würden heutige Opfer von hartnäckigen Schmerzen oder chronischer Depression, deren Lebensqualität gering (oder schlimmer) ist, verständlicherweise größere therapeutische Risiken eingehen und experimentelle Behandlungen zulassen, um ihr Elend zu lindern als die psychisch robusten, die das Leben ohnehin in vollen Zügen genießen – zumindest gemessen an den mittelmäßigen Darwin'schen Standards.

Eine Erschwernis dieser Analyse liegt darin, dass alle Optimierungstechnologien aus der Sicht der erleuchteten Standards unserer Nachkommen nur als abhelfende Therapien betrachtet werden können. Natürlich besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen der Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, um ernsthafte Krankheiten, chronische Schmerzsyndrome oder anhaltende psychische Bedrängnis zu lindern, als für eine Steigerung von präexistentem Wohlbefinden.

Leider gibt es keine Abkürzungen. Also kann der Einwand in dieser Hinsicht nicht beantwortet werden. Derzeitige euphorisierende Entspannungsdrogen beispielsweise, können dem Benutzer einen schwachen, vergänglichen, dürftigen Vorgeschmack auf post-humanes Glück vermitteln. In der Hauptsache jedoch aktivieren sie die hedonische Tretmühle – und haben scheußliche Nebenwirkungen, schleichend oder anderweitig. Es lohnt, sich daran zu erinnern, dass einige sehr kluge Personen verführt worden sind. Der 28-jährige Wiener Neurologe Dr. Sigmund Freud schrieb eine Hymne des akademischen Lobes auf den therapeutischen Nutzen von Kokain, gerade damals aus der Kokapflanze gewonnen. Bayer führte Heroin als nicht süchtig machendes Hustenmittel ein. Und mit den Worten eines Benutzers, der Heroin intravenös verwendet: „Es ist so gut, dass man es nicht ein einziges Mal probieren sollte.“ Jede potentielle Wunderdroge oder Gentherapie, die einen wunderbaren Durchbruch zum post-humanen Nirwana verspricht, muss untersucht werden, sowohl mit außerordentlicher Dringlichkeit als auch mit außerordentlicher Skepsis.

10) Der KOHLENSTOFFCHAUVINISMUS-Einwand
Dieser Vortrag konzentriert sich auf die Bereicherung der „biologischen Substrate“ der Emotion. Warum allerdings sollten wir uns in Anbetracht einiger weitläufig anerkannter funktionalistischer Argumente der zeitgenössischen Philosophie des Geistes, nicht scannen, digitalisieren und in ein Silikon-Medium (o. ä.) „hochladen“ – und uns dann neu programmieren? Das exponentielle Wachstum der Computerleistung verspricht Uploading-Möglichkeiten mit selbst-reprogrammierenden Fähigkeiten, um Altern, Gebrechen und Krankheit zu kurieren, wahre Superintelligenz zu erlangen, totale morphologische Freiheit zu genießen, und auch unsere Belohnungsbahnen zu verstärken. Wenn das exponentielle Wachstum von [nicht-organischer] Computerleistung sich ungehindert weiterentwickelt, dann ist diese Transformation unter Umständen nur ein paar Jahrzehnte entfernt – nicht etwa Jahrtausende, die ein fleischlicher Übergang zur Post-Humanität vermutlich erfordern dürfte.

MÖGLICHE ANTWORT
Das Meinungsspektrum von Transhumanisten zum Uploading rangiert von denen, die denken, dass es unumgänglich ist bis hin zu solchen, die es als eine Art millenianistischen Todeskult betrachten. Wenn das übergeordnete ethische Ziel „nur“ in einer Auslöschung des Leidens besteht, dann könnte Uploading diese Abschaffung mit großer Sicherheit ermöglichen – auf die eine oder andere Weise. Allerdings sind die meisten Menschen keine negativen Utilitaristen. Wenn „Ihr“ Uploading sowohl Supergefühl als auch Superintelligenz beinhalten soll, oder den Genuss von post-humanen Stufen des Wohlbefindens, Quasi-Unsterblichkeit oder einfach Ihre Identität in der Art konservieren soll, wie Sie sie heute verstehen, dann ist das existenzielle Risiko, das ein solches Uploading aufwirft, enorm – vielleicht ist es das größte Risiko, das die menschliche Spezies jemals erwogen hat. Bevor man sich auf etwas derart revolutionäres einlässt, ist es unerlässlich, über eine stringente Bewusstseinstheorie zu verfügen – und eine mathematisch exakte Beschreibung ihrer unzähligen Texturen – auf die Gefahr hin, Zombies zu produzieren. Möglicherweise sind Sie sich zu 99% sicher, dass die Skeptiker falsch liegen, z. B. die Neurophilosophen, die glauben, dass ein unitäres Bewusstsein auf Quantenkohärenz beruht und daher jegliches Streben nach nicht-trivialer digitaler Empfindung mit dem „von-Neumann-Flaschenhals“ in Konflikt gerät. So oder so, das Postulat der Empfindung in silco ist keine nachprüfbare wissenschaftliche Hypothese. Die Befürworter des Uploading investieren eine Menge Glauben in eine metaphysische Theorie. Sicher, die Überzeugung, dass irgendjemand anderes bewusst ist, ist gleichfalls eine metaphysische Theorie, allerdings nicht so kontrovers.

Eine [falsche] Analogie: Denken Sie an das Schachspiel. Stellen Sie sich einen fehlgeleiteten Philosophen vor, der behauptet, dass es beim Schachspiel nicht nur auf die Abfolge der Züge ankommt, sondern auch auf die Textur der einzelnen Schachfiguren, und dass ein Schachspiel mit Holz- oder Metallfiguren, oder sagen wir, eine Partie, die online mit Computern gespielt wird, sich im Charakter unterscheidet, selbst wenn die gespielten Züge identisch sind. Sicher würden wir sagen, der Junge ist einfach verwirrt: Es/sie verkennt den Zweck des Schachspiels. Die spezielle Textur der Spielfiguren und selbst die Abwesenheit all solcher bei einer Partie am Computer, sind unwichtig, da die Texturen, Farben und physische Beschaffenheit (usw.) der Spielfiguren für das Spiel funktional irrelevant sind – sie sind ein einfaches Realisierungsdetail. Dasselbe Schachspiel findet sich mehrfach in unterschiedlichen physischen Substraten. Nun betrachten Sie das Uploading. Stellen Sie sich wiederum einen naiven Bio-Konservativisten vor, der darauf besteht, dass für ein erfolgreiches Uploading nicht nur das Verhalten [oder die verhaltensmäßige Disposition] des hypothetischen Uploads von Bedeutung ist, sondern auch die einzelnen Texturen [auch Qualia genannt: „wie es sich anfühlt“] von deren mentalen und perzeptualen Zuständen. Nun, in einer Hinsicht, ja: Die phänomenalen Texturen [so vorhanden] und Substrat-Beschaffenheit eines hypothetischen Uploads sind reine Realisierungsdetails – funktional irrelevant insofern, als der Upload die korrekte funktionale Architektur hat, um die Eingabe-Ausgabe-Relationen, identisch zu seinem lebendigen Gegenstück, zu unterstützen. [„Wenn es wie eine Ente läuft, wie eine Ente quakt...“, usw.]. Ja, wenn wir erschöpfend durch unsere Verhaltensmuster definiert wären, dann hätte das Gespenst von invertierten Qualia, „marsianischem Schmerz“, fehlenden Qualia und so fort, keinerlei Konsequenzen. Aber in einem anderen, entscheidend wichtigen Sinn, versagt der Vergleich mit dem Schachspiel. „Wie es sich anfühlt“, ich zu sein, ist für mich die Quintessenz meiner persönlichen Identität; es ist kein triviales Realisierungsdetail, sondern bestimmend dafür, wer man ist – seine ureigenste Natur. Wenn wir auch nur die geringste Ahnung hätten, wie man Qualia scannt, aufzeichnet und digitalisiert, dann wäre Uploading vielleicht machbar, aber ach, wir wissen es nicht. Es ist kaum möglich, unsere wissenschaftliche Unkenntnis des Bewusstseins zu übertreiben. Zumindest für jetzt, gehört somit das Uploading in das Reich der Science-Fantasy, nicht der Science-Fiction.

Nehmen wir zu Diskussionszwecken einmal an, dass das Uploading von Gefühlen in Zukunft technisch und gesellschaftlich machbar ist – vielleicht durch Quanten-Computer mit nicht-klassischer Architektur. Im Rahmen eines Massen-Upload-Szenarios bleibt das Schicksal der „zurückbleibenden“ Körper ungeklärt. Wenn das traditionelle organische Leben nicht liquidiert – d. h. „destruktives“ Uploading betrieben wird, die endgültige Lösung des Problems organischen Lebens – dann müssen die primordialen Darwin'schen Organismen von ihren post-organischen Nachkommen „gerettet“ werden. Und hier kommen wir zu den biologischen Substraten des Bewusstseins zurück, mit denen wir begonnen haben.


SCHLUSSFOLGERUNG
Superintelligenz, Superlanglebigkeit und Superglück?

Jahrhunderte des technologischen und sozio-ökonomischen „Fortschritts“ haben den Verlauf unseres Leben nicht erkennbar glücklicher gemacht als bei unseren Jäger-und-Sammler-Vorfahren. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Tausende von Jahren der äußeren Veränderungen unsere hedonische Tretmühle auch nur ein Iota hätten täuschen können. Wird die Zukunft der Vergangenheit gleichen? Mit großer Sicherheit nicht. Die Neurowissenschaft der Zukunft verspricht, das subjektive Wohlbefinden zu revolutionieren, sowohl das individuelle als auch das unserer Spezies als Ganzes. Spekulativer ausgedrückt, könnten wir unsere anthropozentrische Befangenheit überwinden und auch den Rest unseres Gefühlslebens bereichern.

Aber um wie viel? Anders als bei der Computerleistung ist ein exponentielles Wachstum des Glücks (vermutlich) nicht möglich, mangels Technologien jenseits der menschlichen Vorstellungskraft. Aber bereits das Sichern eines annähernd linearen Wachstums seiner Biomarker würde eine verblüffende Diskontinuität in der Geschichte des Lebens bis heute bewirken. Post-humane Versionen der habitablen Zone – „nicht zu heiß, nicht zu kalt“ – könnten möglicherweise das hedonische Spektrum, adaptiv für unsere hominiden Vorfahren, um einige Größenordnungen übersteigen, wenn nicht mehr. Werden unsere post-humanen Nachfahren letztlich beschließen, Bill McKnibben zu zitieren: „Genug!“ Vielleicht – aber falls ja, so bleibt unklar, wann und weshalb.

Man sollte betonen, dass die hier besprochene Art von Szenarien für eine post-humane Optimierung der Gestimmheit, meistenteils keine Alternative zu anderen transhumanistischen Szenarien unserer Zukunft darstellt, insbesondere zu Superintelligenz und Superlanglebigkeit. Im Gegensatz dazu sollte eine fein abgestimmte Kontrolle über unsere Emotionen zusammen mit motivationaler Optimierung uns dazu befähigen, bei Gleichheit aller anderen Dinge, diese Szenarien effektiver umzusetzen – und deren Auswirkungen dankbarer zu würdigen. Noch ist hedonische Bereicherung eine Art Rezept, wie man ein post-humanes Leben zu leben habe – genauso wenig, wie einem die Heilung von einem chronischen Schmerzleiden diktiert, wie man sein schmerzfreies Leben gestalten sollte. „Die Welt der Glücklichen ist völlig anders als die der Unglücklichen“, sagt Wittgenstein in seinem „Tractatus“. Ja, und die Welt der Superglücklichen ist völlig anders als die menschliche Welt. Ob wir deren Eigenschaften jedoch untersuchen, ist eine offene Frage.


David Pearce
(2008)
with many thanks to translator Stefan Meid. See too 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9

Superhappiness
(Second Life, December 2008)
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